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Professor Reulecke erklärt Geschichte

Keilschrift und Kartoffelkäfer

In Klasse 6 gibt es neuerdings ein Fach, das die Kinder bisher nicht kannten: Geschichte. Worum geht es da? Was lernt man dabei und warum sollte man das überhaupt lernen? Antworten bekamen die Schüler der 6a jetzt von einem Profi: Professor Dr. Jürgen Reulecke. Über drei Ecken war es Klassenlehrer Dominik Adlers gelungen, den mittlerweile pensionierten Hochschullehrer für eine Einstiegs-„Vorlesung“ zu gewinnen, für den die ungewohnt junge Hörerschaft absolutes Neuland war.

Mucksmäuschenstill ist es, als der Historiker von seiner Arbeit erzählt.


Das hatten die Kinder auch noch nicht erlebt. Da steht ein Wissenschaftler und erzählt, wie er als Student vor langer Zeit ein hethitisches Keilschriftfragment einfach so aus dem Irak mitgebracht hat. „Heute würde ich damit sofort an der Grenze verhaftet“, bekennt er. „Aber damals hat da niemand nach gefragt.“ Als Beweis lässt er das 3500 Jahre alte Stück durch die Reihen gehen. Nicht ganz so alt sind die Silbermünzen mit dem Bildnis Alexanders des Großen, nämlich „nur“ gut 2300 Jahre. Oder der Kinderkalender, der 90 Jahre auf dem Buckel hat. All das ist Geschichte, die Überbleibsel wie die Babylon-Reise des ehemaligen Studenten. Und so wird auch seine Einleitung stimmig, die er von dem Begriff Erfahrung herleitet. Den wiederum verdankt er einem Lehrer, der in ihm ein Aha-Erlebnis auslöste, als er ihm klarmachte: Erfahrung hat etwas mit fahren zu tun.
 
Erfahrung hat etwas mit fahren zu tun. Professor Reulecke erinnert
sich an eigene Erlebnisse beim Erforschen der Geschichte.
Überhaupt sind es diese Art von Erlebnissen, die einen dazu bringen, sich intensiv mit einer Sache zu beschäftigen. Von bloßem Zahlen- und Datenlernen hält der Professor nämlich gar nichts. Sein Credo: „Wir müssen versuchen zu begreifen, was mit den Menschen passiert ist, die in den jeweiligen Zeiten gelebt haben.“ Er, das einstige Kriegskind, nennt das „Psychohistorie“, sich in die Zeit zu stellen und nachzuspüren, was die Menschen umtrieb. Und da ist auch seine Antwort auf die Frage, was uns Geschichte denn nützt: „Auch heute noch darauf Einfluss nehmen, dass Furchtbares nicht wieder passiert.“

Beim Thema Krieg kommt Bewegung in die Klasse. Mindestens jedes zweite Kind berichtet die Kriegserlebnisse seiner Urgroßeltern. Es sprudelt nur so aus ihnen heraus, all die Brände, die Toten, Kontakte zu Besatzungssoldaten und der Abwurf von Kartoffelkäfern aus Flugzeugen, um die Ernten zu schädigen. Das zeigt, dass die Erfahrungen einer Generation innerhalb der Familie durch Weitererzählen lebendig gehalten werden. Und das ist Geschichte, so Professor Reulecke: Sammeln, sichten und retten, um es dann zu verstehen und zu erklären. Wobei besonders das Verstehen für die Nachkommen am schwierigsten zu sein scheint.
Michael Rausch
 



Veröffentlicht am:
09.11.2018