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RL DDR-Geschichte live

"Erziehung zur hundertprozentigen Kritiklosigkeit"


Peter Keup, geboren 1958 in Dresden, wurde 1982 aus DDR-Haft freigekauft.

Es geschieht nicht oft, dass sich eine neunte Klasse eine komplette Doppelstunde lang nicht rührt und gebannt an den Lippen des Vortragenden hängt. Der DDR-Zeitzeuge Peter Keup vollbrachte das kleine Wunder, als er jetzt den Unterricht der 9c mit seiner Lebensgeschichte in ungewohnte Bahnen lenkte. Geschichtslehrer Dominik Adlers hatte den Essener mit Dresdner Wurzeln eingeladen, sehr persönliche Einblicke in ein Stück deutscher Zeitgeschichte zu geben.

"Als Kind glaubt man der Propaganda von der Gleichheit, der besseren Gesellschaft und dem Klassenfeind BRD", bekennt Keup, dessen Familie 1956 aus Essen in die DDR gezogen war, weil sein Vater nach der überwundenen Nazi-Diktatur am Aufbau einer gerechteren Welt mitarbeiten wollte. "Es war die Erziehung zur hundertprozentigen Kritiklosigkeit." 1958 in Dresden geboren musste er miterleben, wie die deutsche Teilung seine Familie zerriss. Es kamen Zweifel auf, die in einen Ausreiseantrag mündeten, den der mittlerweile 16-Jährige mit unterschrieb. Keup berichtet von dem Schock, als ihn seine Lehrerin daraufhin als "Verräter" beschimpft und ihm eröffnet, er müsse die Schule verlassen.

"Wo das Individuum nichts mehr zählt, sondern nur noch die Masse, spricht man von Diktatur." Keup, der mittlerweile in Berlin arbeitet, Vorträge zum Thema DDR hält und Führungen leitet, kann mit der nötigen Distanz zur eigenen Geschichte dennoch die Jugendlichen in seinen Bann ziehen. Sie glauben ihm, wenn er von Schikanen, Angst und Isolation spricht, wenn er von der Hoffnungslosigkeit erzählt, die von ihm als jungem Mann Besitz ergriffen hatte. "Auch die Familiensituation wurde problematisch, wir wurden wie Aussätzige behandelt." Peter Keup beantwortet geduldig die Zwischenfragen, die großes Interesse verraten, aber auch Ungläubigkeit, dass man Menschen so behandeln kann.

Mit dem Film "Eingemauert" illustriert Keup anschaulich die Sperranlagen der Grenze innerhalb Berlins. So muss der junge Mann sich gefühlt haben, als für ihn feststand: "Ich hau ab." Er plant die Flucht über die Tschechoslowakei und Ungarn nach Österreich, wird aber an der ersten Grenze verhaftet und 39 Stunden lang quälend verhört bis er aufgibt und die geplante Republikflucht gesteht. Quälend seine Schilderungen von Angst, Durst, Schlafentzug und anschließender Isolationshaft. Die Mienen der Schüler verraten, dass das Schicksal des Mannes, der vor ihnen steht, sie anrührt.

Eines Tages wird er ausgebürgert und tritt mit anderen Häftlingen und dem bekannten Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Vogel die Reise in den Westen an. Einige Schüler müssen schlucken bei der Schilderung der Hysterie im Bus, als das Gebiet der DDR erreicht ist. Erst später erfuhr er, dass seine Großeltern seinen Freikauf betrieben haben und dass sein eigener Bruder Stasi-Spitzel war. Zu seiner ehemaligen Heimat hat er nun ein distanziertes Verhältnis: "Sächsisch ertrage ich nicht mehr gut. Ich weiß, es ist blöd, aber für mich ist es der Stasi-Dialekt." Der Vortrag ist zu Ende, noch immer ist es mucksmäuschenstill. Die Betroffenheit ist den Schülern anzumerken. Hannah bringt es auf den Punkt: "Ich bin schockiert. Ich hätte nicht erwartet, dass es wirklich so war. So könnte man doch einen Film schreiben!"

Michael Rausch



Veröffentlicht am:
15.05.2017